Judas and the Black Messiah

Judas and the Black Messiah ★★★★½

Ein Monat schon wieder her...
Als ich mir heute die Nominierungen für die diesjährigen Oscars durchgelesen habe, war ich einerseits erfreut, dass der Film hier 6 Nominierungen hat, aber andererseits trat mir der Fragezeichen-Stiefel ins Gesicht. Warum wurde der Hauptakteur für die Nebenrolle nominiert? Warum? Somit konkurriert der zweite Star des Films mit demjenigen, der eigentlich für die Hauptrolle hätte nominiert werden sollen.
Der Grund, warum ich so lange geschwiegen habe... keinen blassen Schimmer.

"Judas and the Black Messiah" hatte mich bereits mit seinem einprägsamen und auch in gewisser Art provokanten Titel in den Bann gezogen und meine Erwartungen habe ich auf den kleinsten Nenner gebracht, um so gut wie möglich mit freiem Gedanken da ran zu gehen. Und das Resultat dabei ist ein Film, der mich sehr sehr beeindruckte.

Um euch in einen kurzen Abstecher in die Geschichte einzuführen, werde ich ein wenig über die Black Panther Party erzählen, um die Umstände innerhalb des Filmes klarer zu machen, um es sozusagen leichter verständlich wirken zu lassen.
Nachdem der afroamerikanische Bürgerrechtsaktivist Malcolm X ermordet wurde, bauten sich immer größere Unruhen in den USA auf. Schwarze wurden weiterhin von weißen Polizisten drangsaliert und getötet. Dadurch ist diese Partei, angeführt von Huey Newton, entstanden, die anfangs noch friedlich die gesellschaftlichen Differenzen (ganz leicht formuliert) lösen wollten, dann aber nach der Ermordung von Martin Luther King gewalttätiger und radikaler in ihrer Philosophie von Gleichberechtigung wurden. Deren Leitfaden war das 10-Punkte-Programm, welches folgende Punkte hatte:
1. Freiheit und Selbstbestimmung
2. Beschäftigung,
3. ein Ende der Ausbeutung,
4. menschenwürdige Wohnungen,
5. ein reformiertes Bildungssystem,
6. die Freistellung vom Militärdienst,
7. ein Ende der willkürlichen Polizeigewalt,
8. die Freilassung aller afroamerikanischen Gefangenen wegen Benachteiligung während der Verhandlungen,
9. faire Gerichtsprozesse vor afroamerikanischen Geschworenen und durch afroamerikanische Ankläger sowie
10. einen Volksentscheid unter der schwarzen Bevölkerung über deren nationales Schicksal.
Dies sollte für die Prämisse des Films reichen.

In dem Film gibt es zwei Schauspieler, die den Film so dermaßen tragen, dass sie eigentlich beide mehrer Preise bekommen müssen. In den Hauptrollen befinden sich Lakeith Stanfield und Daniel Kaluuya, wobei der Fokus ein klitzekleines bisschen mehr auf Stanfields Figur liegt. Beide Figuren sind historische Persönlichkeiten, besonders die von Daniel Kaluuya kennt jeder Amerikaner, der zu der Zeit alt genug war, um zu denken. Er spielt Fred Hampton, der Vorsitzende der Partei, Ende der 1960er-Jahre. Und Stanfield spielt William O'Neal, der mit ihm mitzieht und dann... passieren Dinge.
In den Nebenrollen sind noch Schauspieler wie Jermaine Fowler, Darrell Britt-Gibson, Dominique Fishback, Martin Sheen (den ich erst optisch gar nicht erkannt habe, aber dann durch die Stimme) und Jesse Plemons.
Ich würde Leuten nicht empfehlen, mehr Informationen rund um die Person Fred Hampton sammeln, weil man sonst jeglichen Spannungsbogen selbst vereitelt.

Auf jeden Fall kann ich eines noch versprechen: Man bekommt hier wohl die bisher beste Performance von zwei Darstellern geboten, die noch viel vor sich haben werden.
Daniel Kaluuya als Fred Hampton ist durch seinen besonderen Redestil, seine Tonlage, seine politisch hetzerischen Reden und durch seine selbstsicheren Blicke sooo stark. Von allen Filmen, die ich gesehen habe, hat er hier sein Potential am ehesten gezeigt.
Aber der Stern, der passiv und doch so präsent durch seine Augen und seine Wortwahl am größten für mich scheint, ist Lakeith Stanfield. Seine Figur bildet das Gegenpol ab, ein unsicherer, zwiespältiger Mensch, der selbst nicht so wirklich mit sich anzufangen weiß und in einen Gewissenskonflikt gerät, der an ihm bis ans Lebensende nagt. Das Ende, wo seine Blicke in der Kamera die Szene leiten, sind so präsent, nachvollziehbar und überwältigend. Ich habe zurzeit wenige Schauspieler gesehen, die in der Neuzeit so eine krasse Aura haben. Ich bezeichne seine Aura als das "Aktive im Passiven", nach dem Motto, dass ein grundsätzlich passiver Charakter doch mit vereinzelten Gesten den Raum einnimmt.

Was noch zu loben ist, das Bild ist gestochen scharf und die Kamera ist ausgesprochen super. Sie ist meistens still auf einen Punkt gesetzt, lässt dafür genug Raum für das Können der Schauspieler und das bemerkt man in ruhigen Szenen. In den wilderen Szenen ist der Schnitt deutlich aktiver, aber kontrolliert und die Kamera ist sehr gut auf das Wichtige fixiert. Kleine Flashbacks werden sehr gut als Denkanstoß verwendet, was bei vielen Filmen sehr schnell nach hinten losgehen kann, aber hier hat es geklappt.
Die Musik ist ebenfalls echt gut mit einbezogen. Teilweise bekommt man einen Score, der zeitlich gesehen sich perfekt in die Zeit einwebt und auf der anderen Seite kommen auch interessante Stücke, die speziell auf Spannung komponiert wurden. Aber auch die Musik weiß, wann man für einen Moment Stille einhält.

Was ein kleiner Kritikpunkt sind die kleinen Hänger im Mittelteil, die ein bisschen den Flow herausnehmen. Aber dann steht die Narrative wieder aufrecht und gleitet da durch wie ein Vogel im Aufwind. Der Film ist keineswegs langweilig und geht für 2 Stunden trotz des Mittelteils schnell vorbei.

Der Film ist eine einzige Hitzepartie um Gleichberechtigung, die von den Unterdrückten nur durch radikale Methoden erlangt werden kann und es ist sehr sehr stark in den Wurzeln der amerikanischen Missständen festgesetzt. Fokus wird aber mehr auf die Personen der Partei genommen.

"Judas and the Black Messiah" ist ein außerordentlich guter Film und ein heißer Anwärter auf viele Preise, zum Beispiel für die Oscars. Auch wenn ich mit der Entscheidung der Jury nicht einverstanden bin, dass beide Hauptdarsteller für die Nebenrolle nominiert sind, aber abgesehen davon bin ich momentan auf der Seite dieses Films.
Eine Empfehlung an alle, die Dramen und Biografien mögen und auch Leute, die der Bewegung "Black Lives Matter" Verständnis schenken, egal ob mehr oder weniger.

Marvin liked these reviews