Joker

Joker ★★★★½

"If you smile through your fear and sorrow
Smile and maybe tomorrow
You'll see the sun come shinin' through
For you"

- Jimmy Durante "Smile"

Wow.
Das ist eher selten, dass ich völlig emotionalisiert aus einem Film gehe und das Gefühl hatte, den Schmerz, die Wut, den Hass und die "Befreiung" so am eigenen Leib zu spüren. Chapeau an Todd Philips ("Old School") und natürlich den sensationellen Joaquin Phoenix.

Wie kann man Hässlichkeit und Abgründe nur so "schön" und widerlich elegant in Szene setzen? Ich bin zutiefst beeindruckt von diesem Film.

Natürlich wirft er auch Fragen auf, die man kritisch diskutieren KANN.
Genauso wie das große Vorbild "Taxi Driver" diese Fragen schon vor über 40 Jahren aufwarf. Wie sehr, darf man als Zuschauer mit einem Killer, mit einem Anti-Held, mit einem Psychopathen mitfiebern? Denn, auch wenn Phoenix' Joker alles andere als sympathisch ist, so ist er doch der Held dieser Geschichte. Er ist das Opfer seiner Umwelt. Das Opfer von New York City ("Gotham") der frühen 80er, also vor seiner Gentrifizierung.
Er ist Opfer des scheinbar unbarmherzigen Kapitalismus, das jeden abhängt, der nicht mithalten kann oder will. Er ist Opfer von Psychosen, Bullies und von elterlicher Misshandlung. Er ist Opfer einer schmutzigen, kriminalisierten und empathielosen Stadt.

Abgehängt von der Gesellschaft entwickelt er sich mehr oder weniger unfreiwillig zu einer Ikone der anarchistischen Gegenbewegung. Der Joker ist ein Produkt der gescheiterten Gesellschaft.

Wie bei vielen Filmen mit vermeintlichen Anti-Helden, drückt man hier jemandem die Daumen, der eigentlich größtenteils abstoßende Dinge tut. Aber es ist nun mal seine Geschichte und die andere Seite, die normalerweise vom guten Batman repräsentiert wird, fehlt hier gänzlich.
Es gibt in diesem Film eigentlich niemanden, der sympathisch ist. Es gibt keine Figur, mit der man sich identifizieren möchte. Und so bleibt einem nichts übrig, als Empathie zu empfinden für den, der verprügelt, getreten und betrogen wird, wenngleich wir das Ergebnis daraus verabscheuen.

Die Einen werden sagen: Der Film glorifiziert eine Opferhaltung, die die Mittel entschuldigt und vor allem dafür wirbt, dass wenn man eh nichts mehr zu verlieren hat, zumindest noch einen eindrucksvollen Abgang inszenieren kann.
Die Anderen werden sagen: Der Film glorifiziert nichts, er zeigt nur Realitäten auf, denen wir uns als Gesellschaft stellen müssen.

Ich finde, man kann einen Film nicht auf Grundlage dessen beurteilen, was andere daraus für sich machen. Im Guten wie im Schlechten. Denn der Umkehrschluss wäre ja, dass man solche Figuren nicht mehr zeigen dürfte, gerade in ihrer Verrohung und ihrem Märtyrertum.
Das Medium Film muss sich aber freimachen vom Zeitgeist und vom Diskurs, so wie sich Kunst eben nicht abhängig machen kann von möglichen Interpretationen.

Vielleicht mach ich es mir auch zu einfach, weil mir der Film so gut gefallen hat und ich deshalb ausklammere, dass es auch Menschen da draußen gibt, die die falschen Schlüsse daraus ziehen.
Aber genau von diesen Menschen erzählt der Film und eventuell findet man ja auch gar nicht gut was da passiert, kann es aber trotzdem nachvollziehen. Insofern erreicht Regisseur Todd Philips vielleicht mehr, als man erwarten konnte.

Wir schauen knapp zwei Stunden dabei zu, wie aus dem Außenseiter Arthur Fleck der wahnsinnige Batman-Antagonist wird. Und noch nie wurde eine "Origin Story" so unfassbar gut, nachvollziehbar und subtil erzählt.
Auch wenn man ja genau weiß, worauf es hinausläuft, packt einen der Film von der ersten Sekunde. Wie Trommelschläge die unter die Haut gehen und mit jeder Minute ihre Frequenz erhöhen, bis sie sich am Ende völlige exzessiv entladen und der Film endet. Alles spitzt sich zu, alles wird immer schlimmer. Man will eingreifen. Man ertappt sich dabei, wie man insgeheim hofft, das endlich ENDLICH Batman kommt und dem Spuk ein Ende setzt. Aber Batman ist ein kleines Kind, Batman ist nicht Batman. Batman existiert nicht.

Am Ende existiert nur Hoffnungslosigkeit und wir spüren, was Arthur Fleck sein ganzes Leben gespürt hat: Chaos, Wut, Verzweiflung und Hass.

Am 1. Januar 1976 schrieb Roger Ebert ein Review über "Taxi Driver". Der letzte Satz würde heute genauso auf "Joker" zutreffen:

---- "Taxi Driver" is a hell, from the opening shot of a cab emerging from stygian clouds of steam to the climactic killing scene in which the camera finally looks straight down. Scorsese wanted to look away from Travis's rejection; we almost want to look away from his life. But he's there, all right, and he's suffering. ----