Pan's Labyrinth

Pan's Labyrinth ★★★★½

9/10. Pan’s Labyrinth (2006) ist ein Fantasyfilm von Guillermo del Toro mit Ivana Baquero, Sergi López und Maribel Verdú in den Hauptrollen. Die kleine Ofelia zieht mit ihrer hochschwangeren Mutter zum Stiefvater in eine ländliche Gegend Nordspaniens. Der Stiefvater hat dort den Auftrag übernommen, im Jahr 1944 kurz nach General Francos Sieg, die republikanischen Rebellen zu bekämpfen. Seine Brutalität, Unberechenbarkeit und das schwierige Verhältnis zu seiner Tochter lassen Ofelia in eine geheimnisvolle Fantasiewelt flüchten. Diese wird von wundersamen, schaurigen und mythischen Fabelwesen bewohnt.

Dabei entsteht ein richtig starker Film des mexikanischen Regisseurs Guillermo del Toro, der hier zwei Filmebenen miteinander vermischt. So ist „Pan’s Labyrinth“ ein Genre-Mix aus Drama und Fantasyfilm, der vor dem Hintergrund militärischer Repression nach der Zeit des spanischen Bürgerkriegs spielt. Guillermo del Toro ist sicherlich einer der Regisseure, die man kennen sollte: Der Mexikaner brachte uns bereits Filme wie „Hellboy“ oder „Shape of Water“ und begeistert mit seiner spielerisch-fantasievollen Weltgestaltung und Geschichtenerzählung. Doch eigentlich steht die Geschichte in „Pan’s Labyrinth“ hinter ziemlich ernstem Hintergrund. Es ist 1944 - der spanische Bürgerkrieg ist vorüber, doch der Zweite Weltkrieg wütet immer noch. Der Hauptmann Vidal befindet sich mit seiner Truppe in den Bergen Nordspaniens. Vor Kurzem hat er die hochschwangere Carmen geheiratet, die eine zehnjährige Tochter namens Ofelia hat. Ofelia ist ein besonderes Mädchen: Entgegen der von ihr erwarteten Manieren und Förmlichkeiten, stürzt sie sich lieber in Märchengeschichten. Ofelia hat eine blühende Fantasie und versucht ständig, der tristen Realität zu entfliehen. Als sie und ihre Mutter mit dem Auto beim Hauptquartier des Hauptmanns - ihr neues Zuhause - ankommen, entdeckt Ofelia ein altes Mauerwerk mit einem großen Tor. Die Hausangestellte, Mercedes, erzählt ihr, dies sei ein Labyrinth und stehe schon sehr lange dort. Bereits in der ersten Nacht, in der Ofelia neben ihrer Mutter nicht einschlafen kann, taucht ein Insekt auf, das sich kurzum in eine Fee verwandelt. Ofelia folgt der Fee zum steinernen Labyrinth, in welchem sie eine tiefe Wendeltreppe aus Stein hinabgeht. Dort trifft sie einen Pan. Ein baumähnliches Wesen, das Ofelia erzählt, sie sei die Wiedergeburt einer Prinzessin. Ofelia könne einen Fluch brechen und der dahinsiechenden magischen Welt zu neuem Leben verhelfen, sobald sie drei Prüfungen meistert. Ofelia begibt sich immer tiefer in die düstere Fantasiewelt, während in der gegenwärtigen Wirklichkeit ein gefährlicher Krieg und grausame Unterdrückung wütet. Guillermo del Toro schafft es hier meisterhaft, zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, zu verbinden. „Pan’s Labyrinth“ hat ohne Frage eine politische Aussage, die aus der Metaebene der Geschichte resultiert. Denn „Pan’s Labyrinth“ ist kein reiner Fantasyfilm: Das düstere Märchen birgt zwar eine imaginäre Fantasiewelt, doch sie verbleibt eine Parallelwelt zur kriegerischen Gegenwart. Diese beiden Ebenen laufen zeitgleich ab - die Verbindung dieser Genres und Ebenen ist hier meisterlich gelungen. Die politische Aussage von del Toro kommt definitiv herüber, doch was „Pan’s Labyrinth“ ebenfalls auszeichnet ist, dass der Film auch ohne die Metaebene gelesen werden kann und wunderbar funktioniert. Wenn man „Pan’s Labyrinth“ als unfassbar düsteren und teilweise verstörenden Fantasyfilm nimmt, ist er immer noch genauso gut - und sowas ist selten. Es fängt bereits in den ersten Minuten an: Sobald Ofelia und ihre Mutter mit dem Auto beim Hauptmann ankommen, wird schon ein magisches Gefühl versprüht. Es sind jene Szenen, in denen Ofelia die Umgebung erkundet und kleine Details feststellt oder jene Szenen, in denen die wunderbare Musik fantasievoll anschwillt. Der Zuschauer bekommt sofort das Gefühl, hier etwas besonderes zu sehen - und zu erfahren. Der Zuschauer ist von Sekunde Eins gefesselt und bleibt das auch, wobei „Pan’s Labyrinth“ hinten heraus vielleicht kleine Längen besitzt. Doch gerade der Anfang ist mit am stärksten: Guillermo del Toro schafft es, eine unfassbar stimmungsvolle und einzigartige Atmosphäre zu kreieren, die den Zuschauer vor Spannung und Neugier in den Bann zieht. Es ist der Nervenkitzel, der in solchen Passagen zur Wirkung tritt - der Zuschauer blickt durch die Augen des kleinen Mädchens und hat Teil an ihrer Neugier und Entdeckerlust. Dabei ist das, was sie entdeckt, genauso faszinierend und atemberaubend für den Zuschauer: Sobald Ofelia das erste Mal mit der geheimnisvollen Fantasiewelt in Berührung kommt, ist der Funke der Magie spätestens vollkommen auf den Zuschauer übergesprungen. Hier beweist der Regisseur einmal mehr sein Auge für das Visuelle: Die Szenenbilder und Kulissen sind unfassbar kreativ gestaltet und gekonnt in Szene gesetzt. „Pan’s Labyrinth“ vereint inszenatorische Perfektion in einem ganz eigenen Stil. Dazu gehören düstere Bilder, ruhige und bewusst eingesetzte Kameraschwenks und eine verzaubernde Musik. Es ist wahrlich Kinomagie, die den Zuschauer wieder klein werden lässt. Ofelia ist hier die perfekte Identifikationsfigur: Der Zuschauer schlüpft in ihre Schuhe und entdeckt die faszinierende Welt Stück für Stück mit ihr mit. Wo die imaginäre Welt, in die sie sich stürzt, anfangs noch atemberaubend und beeindruckend erscheinen mag, werden die fantastischen Elemente mit der Zeit jedoch immer düsterer und verstörender. „Pan’s Labyrinth“ ist kein Kinderfilm. Wenn man sich es genau vor die Augen führt, sind Märchen im Grunde genommen auch ziemlich brutal und angsteinflößend. Auch „Pan’s Labyrinth“ ist ein Märchen - Ofelia liest auf der Rückbank des Autos in einem Märchenbuch, das eine Geschichte erzählt, in der sie wenig später selbst steckt. Ofelia fantasiert sich selbst in ihr gelesenes Märchen, doch die Welt wirkt alles andere als unrealistisch. Die aufgezeigte Fantasiewelt wirkt glaubwürdig und echt. Nun ist es an Ofelia, die drei Prüfungen zu bestehen: Einen Schlüssel aus dem Bauch einer Riesenkröte holen, den verlockenden Angeboten des Kinderfressers (schaurig inszenierte Szene mit dem Pale Man) widerstehen und das Blut eines Unschuldigen opfern. Nichts in „Pan’s Labyrinth“ ist gewöhnlich oder konventionell - Regisseur Guillermo del Toro hat sich hier einmal mehr kreativ ausgetobt und eine sich lebendig anfühlende Fantasiewelt erschaffen. Mittendrin immer wieder der Umschnitt zur realen Welt, in der es ebenso brutal zugeht. Das Verhältnis zum Hauptmann Vidal ist alles andere als gut und es scheinen sich Konflikte anzubahnen. Dazu kommt, dass Ofelia’s Mutter ihr Neugeborenes bekommt - die Situationen werden immer dramatischer. Eines steht fest: „Pan’s Labyrinth“ bleibt zu jeder Zeit spannend und interessant. Der Film langweilt zu keiner Sekunde und kann durchgehend fesseln, z.B. durch unvorhergesehene Wendungen, die eintreffen. „Pan’s Labyrinth“ ist für einige Überraschungen gut und kann mit Szenen auflauern, die der Zuschauer so nicht hat kommen sehen. Dabei spitzt sich der Film gegen Ende immer mehr zu und gipfelt in einem fulminanten Finale, das sicherlich den dramaturgischen Höhepunkt darstellt. Figurenentwicklungen werden hier abgeschlossen - Ofelia muss über sich hinauswachsen und wird auch immer mehr von der realen Welt beansprucht. Fantasie- und Realitätsebene verschwimmen miteinander und Ofelia muss großen Mut beweisen, um sich gegen den Hauptmann zu stellen. Figurentechnisch macht „Pan’s Labyrinth“ hier einiges richtig: Der Hauptmann ist ein toll geschriebener Antagonist, der den politischen Faschismus vertritt und extrem kernig und fies von Sergi López verkörpert wird. Der Antagonist funktioniert hier erstaunlich gut und wirkt sowohl comichaft-überzeichnet, als auch durchaus authentisch. Ivana Baquero als Ofelia macht ihren Job hier ebenfalls hervorragend, vor allen Dingen, wenn man bedenkt, wie jung die Schauspielerin hier war. Ebenso mit dabei sind Ariadna Gil als Mutter Carmen und Maribel Verdú als Hausangestellte des Hauptmanns, Mercedes, und Unterstützung von Ofelia. Beide spielen gut - vor Allem gefiel mir die Figur von Mercedes, die für den ein oder anderen tief gehenden und emotionalen Moment sorgt. Das sonstige Handwerk ist absolute Meisterklasse: „Pan’s Labyrinth“ hat zurecht Oscars in den Kategorien Beste Kamera, Bestes Szenenbild und Bestes Make-Up im Jahr 2007 gewonnen. Die Umgebung ist unfassbar detailreich gestaltet und jegliche Fantasiewesen und Kreaturen sind mit großer Kreativität und Leidenschaft entwickelt worden. Die Kreaturen sehen großartig und schaurig aus - hier ist der Vorteil von praktischen Effekten zu erkennen. Sieht einfach besser aus, als CGI-Monster! Die Kreaturen haben eine tolle Physis und fügen sich wunderbar in die Umgebung ein - nichts fühlt sich wie ein Fremdkörper an. Dazu kommt eine sehr wertige Kameraarbeit, die mit langen und ruhigen Einstellungen arbeitet und eine Farbgebung, die mit grauen und dunklen Tönen die beklemmende Atmosphäre der Zeit widerspiegelt. Am Ende ist „Pan’s Labyrinth“ ein bildgewaltiges Fantasy-Abenteuer für Erwachsene, das es schafft, eine imaginäre Fantasiewelt mit einem bitterernstem Historiendrama zu verbinden. Keine leichte Aufgabe - man bedenke, was alles schief gehen könnte. Es hätte passieren können, dass die Fantasiewelt im Hintergrund der ernsten Thematik vollkommen lächerlich wirkt - doch das tut sie nicht! „Pan’s Labyrinth“ ist eine märchenhafte Parabel über die Grausamkeit des Faschismus und die erlösende Kraft kindlicher Imagination - schaurig-düstere Fantasy und blutig-ernste Realität verschmelzen miteinander in einer noch nie da gewesenen Art und Weise. „Pan’s Labyrinth“ ist wahrlich ein Novum in der Filmgeschichte, bei dem ein Vergleichswerk fehlt.

Fazit - Pan’s Labyrinth ist ein stimmungsvolles und bildgewaltiges Abenteuer, das Fantasyfilm und Historiendrama auf meisterhafte Weise miteinander verfließen lässt. Der Genre-Mix kann auf beiden Ebenen überzeugen und besticht vor Allem durch seine große Kreativität und Magie. Die Welt, die Guillermo del Toro hier inszeniert, ist unheimlich und beeindruckend zugleich. Der Film ist handwerklich perfekt umgesetzt und kann den Zuschauer auf immersive Weise in seine Welt hineinziehen. „Pan’s Labyrinth“ ist zu keiner Sekunde langweilig - der Film fesselt und verzaubert von vorne bis hinten. Ein kleiner Meilenstein in der Filmgeschichte und mit Abstand der beste Film des mexikanischen Regisseurs! Dringende Empfehlung!