The Hobbit: An Unexpected Journey

The Hobbit: An Unexpected Journey ★★★½

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Einleitung

Wahrscheinlich ist das wohl so, wenn Filmemacher mit einem Projekt so gewaltigen Erfolg haben, ein so bravouröses Feedback erhalten wie Peter Jackson mit seiner Herr der Ringe Trilogie, dann scheinen sie bei der Rückkehr zu diesem Franchise nicht mehr länger das Gefühl zu haben irgendwelchen erzählerischen Zwängen ausgesetzt zu sein.

Nur so kann ich mir einen Film wie "Der Hobbit" erklären. Ich denke nämlich schon, dass sich der Peter Jackson, "Prä-HdR", diesen Stoff angesehen hätte, und dringend notwendige Änderungen vorgenommen hätte. Änderungen die vielleicht so manchen Fan als ein Sakrileg vorgekommen wären, die sich aber erzählerisch am Ende ausgezahlt hätten. Vor allem wenn man den Tonfall eines Kinderbuches so grundlegend ändert, und ihn in ein gigantisches Epos von knapp 9 Stunden (Extended) aufblasen möchte.

Ein Raubzug

So hätte Jackson womöglich dringend die Figurenanzahl angepasst, sogar anpassen müssen. Weil die Menge an Zwerge, und das schreibe ich jetzt auch mit Blick auf die ganze Trilogie, brauchen wir nicht, zahlt sich null aus. Die Reisegruppe hätte gut um die Hälfte reduziert werden können, um die Dynamik innerhalb zu stärken und den Figuren schärfere Konturen zu geben.

Zudem hätte Jackson dann vielleicht auch gemerkt, dass der bedeutungsschwangere Ton den der "Hobbit" direkt von HdR übernimmt, einfach nicht zur Thematik und Story des Films passt. Jackson will uns glauben machen, dass das Unternehmen der Zwerge auch total wichtig für ganz Mittelerde ist. Sozusagen Kampf gegen Gut und Böse, und die Reichtümer im Berg ja nur eine Nebenerscheinung darstellen. Diese Rechnung geht einfach nicht auf und ist es das was immer wieder für Befremdung zwischen Zuschauer und Stoff sorgt. Da soll Bilbo einerseits einen Vertrag unterschreiben, bei dem es u.a. um die Aufteilung der Beute geht, andererseits tut Gandalf bereits schon so, als stehe das Schicksal der Welt auf dem Spiel. Tatsächlich wäre es besser gewesen hätte Jackson an dieser Stelle der Story mehr inhaltliche Leichtigkeit verpasst, und damit meine ich nicht noch mehr Songs und peinliche Gags. Zuvor wenn Gandalf schlussfolgert, dass diese Reise Bilbo gut tun würde und für ihn sehr belustigend sein wird, da trifft Jackson den Ton der, der Unternehmung noch am Besten steht.
Denn im Grunde ist das Ganze, vor allem zu Beginn, ein Raubzug und als solcher hätte man ihn aufziehen müssen. Das dann später die Einsätze höher und wichtiger werden und sich die Bande um Thorin noch stärker hinterfragen muss, hätte ja auch ebenso zum Ausgang der Geschichte gepasst aber den Weg dahin reizvoller und nachvollziehbarer gemacht.

Drachenkrankheit

Der weitere Wahnsinn dem Jackson anheim gefallen ist, ist eine Exposition die HdR alle Ehre macht. Ich meine, ich rede hier über einen Film der eine halbe Stunde seine Figuren in einem Haus sitzen lässt, um die Unternehmung zu planen. Und dem ging ein ein etwas umständlicher Prolog (mit Verknüpfungen zu "Die Gefährten") ja schon voraus. Und wenn die Gruppe dann aufbricht folgen weitere Expositionen zu Azoc und in Bruchtal wird noch einmal ein kompletter Nebenstrang aufgebaut (Necromant) und ganz viel Vorarbeit für HdR geleistet. Und so kommt es, dass der eigentliche Film erst nach gut zwei Stunden beginnt. Das ist kompletter Irrsinn seitens eines Regisseur der anscheinend gedacht haben muss, dass er mit allem davon kommt. Womöglich auch eine Form der Drachenkrankheit... Und der größte Witz ist es, dass das Ganze ja nicht mal im Ansatz so komplex ist, wie bei "Die Gefährten", der ähnlich lange braucht um alle Informationen zu vermitteln.

Im Grunde ist jede Sequenz dieses Films zu lang geraten. Das gilt für den Prolog, gilt für die Auenland Beratungen, für die Szene mit den Trollen (die ich überhaupt nicht leiden kann), für Bruchtal, später für die Stadt der Orks, selbst für das Aufeinandertreffen mit Gollum, welches den Höhepunkt des Films markiert. Peter Jackson hat wohl geglaubt sein Publikum, bereits an die Extended Versionen vom HdR gewöhnt, könne sich an Mittelerde nicht mehr satt sehen. Doch leider gehört einfach sehr viel mehr dazu, ungeniert alles ungebremst und unkontrolliert auf die Leinwand zu werfen. Vor allem weil der Regisseur und Autor darüber hinaus ja auch immer wieder seine Figuren vergisst, und wie bereits weiter oben angesprochen, gibt es kaum eine nennenswerte Dynamik in dem Ensemble, außer das Bilbo sich seinen Gefährten erst noch beweisen muss.

Mehr Steinriesen

Aber auch so kann Jackson lange Zeit nicht in Staunen versetzen. Der Teil zwischen dem Aufbrechen aus dem Auenland und der Flucht aus Bruchtal ist ordentlich zäh. Weder die Trolle noch die Verfolgungsjagd mit den Wargen gerät irgendwie interessant oder aufregend. Gerade Zweiteres haben wir in der HdR Trilogie oft genug gesehen, und irgendwann ist man von den zahllosen Helikoptershots die, die Schönheit Neuseelands einfangen, einfach nicht mehr so gefesselt wie zuvor.
Erst der Auftritt der Steinriesen, im Grunde die einzige Sequenz des Films die kurz und knackig geraten ist, kann sich abheben und ist ein wahrer Augenöffner. Zuvor ist es zu viel Mittelerde Standard, der sattsam bekannt ist. Es hilft auch nicht, dass dieser Film im Grunde ja nur aus verschiedenen Episoden besteht, die sehr wenig auf das große Ganze Auswirkungen haben. Manches ist in seiner Ausprägung nur wegen "Herr der Ringe" da, und manches weil die Fans es unbedingt sehen wollten. Aber schon bei "Herr der Ringe" hat Jackson beliebte Abschnitte des Buches fallen lassen (Tom Bombadil), eben weil es der Geschichte nicht weiter geholfen hätte. Aber wie gesagt, diesen Jackson gibt es nicht mehr.

Antagonist vs. Protagonist(?)

Wenn wir gerade Änderungen zur Vorlage thematisieren. Eine notwendige Korrektur nimmt Jackson tatsächlich vor, in dem er Azoc, den bleichen Ork, als Bösewichtsfigur einbaut. Grundsätzlich ein guter, nachvollziehbarer Schritt, aber Azoc ist richtig nervig. "Zerfleischt sie!", "Trinkt ihr Blut!", "Ich will seinen Kopf!", "Zieht ihnen die Haut ab!". Diese Figur muss einen Bösewichts-Oneliner nach dem anderen raus hauen, und sie tut es in einer Vehemenz die mich spätestens im enttäuschenden Finale den letzten Nerv kostet. Azoc ist kein guter Bösewicht. Natürlich hat ein Orc keine besondere Motivation oder kann mit besonders viel Charisma aufwarten. Dann muss man halt viel mit Präsenz machen, aber die besitzt Azoc nicht. Dazu ist seine Darstellung zu überzogen und doch zu platt.

Die Dynamik zwischen Thorin und Azoc hat natürlich Potenzial gehabt, nur ist hier vor allem Thorin das Problem. Und auch da spielt ein Problem der gesamten Trilogie mit rein. Manchmal baut Jackson Thorin Eichenschild zu einer charismatischen Figur wie Aragorn auf, nur ihn dann immer wieder unsympathische Dinge sagen zu lassen, oder ihn, wie im Finale gegen Azoc, richtig schlecht aussehen zu lassen. Das hat übrigens schon fast komödiantisches Potenzial wie Thorin eine gefühlte Ewigkeit auf Azoc zu läuft (durch Flammen hindurch), nur um dann direkt einen auf die Zwölf zu kriegen! Wenn wir nur den ersten Teil betrachten, dann ist Thorin eine Figur die nicht wirklich funktioniert, aber es sollte ein Problem sein, dass sich durch alle Filme hindurch ziehen wird. Sie haben nie das richtige Rezept für diese Figur gefunden.

Stärken

Was bleibt auf der Habenseite? Natürlich muss man grundsätzlich anerkennen, dass der "Hobbit" schauspielerisch durch Martin Freeman und vor allem durch Ian McKellen immer noch eine Wucht ist. Martin Freemans snobistischer Ansatz finde ich großartig, und ich habe auch kein Problem damit, dass er erst noch in das Abenteuer rein wachsen muss. Es ist eine große Freude ihm dabei zu zu sehen wie er mit sich hadert, mit den Ängsten und gleichzeitig eine gewisse Verschlagenheit an den Tag legt, mit der er sich aus Gefahren heraus windet. Fast nur hier bekommt "Eine unerwartete Reise" sein Alleinstellungsmerkmal welches sich von der HdR Trilogie abhebt.
Ian McKellen als Gandalf ist weiterhin ein Selbstläufer. Aber es ist auch interessant, dass er sehr viel mehr als Puppenspieler für die Gruppe fungiert, und seine eigentlichen Beweggründe zunächst etwas unklar bleiben. Das Jackson dies halt in erster Linie als Vorarbeit für HdR benutzt ist zwar etwas bedauerlich, aber McKellen macht das einfach toll.

Und auch wenn ich mich jetzt hier lang und breit zum Erzähltempo ausgelassen habe, ist gerade der Beginn unglaublich atmosphärisch geraten. So kann ich mich noch am ehesten mit der Exposition im Auenland anfreunden, auch wenn die Tonprobleme dort schon deutlich werden, aber Spannung wird trotzdem recht gekonnt aufgebaut. Und die letzte Stunde mag ich eigentlich sehr gerne, auch wenn der motivationslose Auftritt des Orkkönigs in der Extended Version eigentlich schon wieder ein Ärgernis darstellt (das Lied finde ich seltsamerweise ganz witzig), und der viel zu lange Showdown an der Klippe auch wieder nervt.

Fazit

Im Grunde fehlt es bei "Eine unerwartete Reise" an einem eigenen Tonfall und Straffung. Straffung, Straffung und nochmal Straffung. Und ich will hier gar nicht das inflationäre Argument benutzen, dass die Dreiteilung des Buches ein Fehler war. Denn niemand hat gesagt, dass jeder Film unbedingt drei Stunden laufen muss. Von mir aus hätte Jackson auch drei Zweistünder raus hauen können, weil die eigentliche Struktur, gerade mit Blick auf das Ende des zweiten Teils, in dem Smaug als wunderbarer Showdown herhalten muss, möchte ich gar nicht missen.

Puh, dass ist größer geworden als ich gedacht habe, daher habe ich das mal ein wenig in Abschnitte unterteilt. Wer bis hier hin durchgehalten hat: Danke fürs Lesen und ja ich bin mir der Ironie bewusst, dass ich mit dieser überlangen Review die Straffung eines Werkes einfordere.
Ob ich übrigens die weiteren Teile auch ausführlich besprechen möchte steht noch in den Sternen, aber die Gedanken zu diesem ersten Teil haben mich nach dem Rewatch irgendwie nicht los gelassen.

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